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Kolumne: Der Krieg um den allerletzten Meter

Meldung von doelf, Freitag der 18.01.2019, 17:21:05 Uhr

Wir befinden uns im Jahre 2019 nach Christus und die ganze Welt setzt beim Breitbandausbau auf Glasfaser. Die ganze Welt? Nein! Ein von unbelehrbaren Kupfer-Fetischisten bevölkertes Land in der Mitte Europas hört nicht auf, der Zukunft Widerstand zu leisten. Mit Unterstützung der Bundesnetzagentur, die sich mal wieder einen seltsamen Beschluss zusammengebraut hat.

Was passiert beim Vectoring
Die Datenübertragung über Glasfaser ist schon heute wesentlich schneller und auch zukunftssicher, doch Kupferleitungen liegen überall. Statt Geld in den flächendeckenden Glasfaserausbau zu stecken, setzt der hiesige Marktführer Deutsche Telekom daher auf einen Trick, um noch ein wenig mehr Leistung aus der ollen Kupferstrippe herauszukitzeln. Das Zauberwort heißt VDSL2-Vectoring (ITU-T G.993.5), welches für Deutschland im August 2013 genehmigt wurde. Beim Vectoring wird eine spezielle Kanalkodierung genutzt, um das Übersprechen, also die gegenseitigen Störungen zwischen benachbarten Leitungen, zu minimieren, was einen höheren Datendurchsatz ermöglicht.

Und wo liegt das Problem?
Um das Vectoring umzusetzen, muss ein Anbieter über den DSLAM (Digital Subscriber Line Access Multiplexer) die vollständige Kontrolle über den Datenfluss auf allen Leitungen eines Hauptkabelstrangs haben. Mitbewerber bleiben dabei außen vor, so dass ein regionales Quasi-Monopol entsteht. Ein solches hatte die Bundesnetzagentur im Jahr 2013 genehmigt und der Telekom damit erlaubt, ihren Konkurrenten unter Verweis auf den Einsatz von Vectoring den Zugang zu Teilnehmeranschlüssen zu verwehren. Als Ausgleich wurde es ausbauwilligen Mitbewerbern ermöglicht, Teilnetze der Telekom zu übernehmen, so dass nun diese dort als Quasi-Monopolisten auftreten.

Alter Hut! Was ist daran neu?
Neu ist der Beschluss BK3e-15-011 der Bundesnetzagentur, welcher die Teilnehmeranschlussleitung (TAL) der Deutschen Telekom zuschanzt. Es geht um das hausinterne Telefonnetz, das üblicherweise aus Kupferkabeln besteht. Treffen am Zugangspunkt des Gebäudes ein Kupferkabel mit Vectoring und ein Glasfaseranschluss mit G.Fast zusammen, müssen sich diese die letzten Meter bis zu den Wohnungen oder Betriebsstätten teilen. Da sich Vectoring und G.Fast dabei stören können, hat die Bundesnetzagentur der Telekom und ihrer Vectoring-Lösung Vorfahrt gewährt. Sie darf ihre Mitbewerber ausbremsen - voraussichtlich bleiben vom Gigabit dann nur noch 400 bis 600 MBit/s übrig - oder auch abschalten, um die bestmögliche Leistung für ihre eigenen Anschlüsse sicherzustellen.

Marktmacht und Funktionsherrschaft
Das Quasi-Monopol für die letzte Meile wird damit um ein Quasi-Monopol für die letzten Meter, genauer gesagt die Gebäudeverkabelung, ausgeweitet. Dass die Telekom gar nicht Eigentümerin der Endleitung ist, spielt für die Bundesnetzagentur keine Rolle. Vielmehr gilt das Recht des Stärkeren oder, wie es die Bundesnetzagentur formuliert, "der marktmächtige Betreiber" mit der "Funktionsherrschaft über das Netz". Aus dieser Funktionsherrschaft leitet die Bundesnetzagentur eine alleinige Verfügungsgewalt ab, statt den Wettbewerb zu stärken oder gar innovative Technologien zu fördern. Was bleibt ist der Aufbau eines zweiten, hausinternen Telefonnetzes, welches die Glasfaseranbieter nutzen können.

Trauerspiel Breitbandausbau
Und so schreitet der Breitbandausbau in Deutschland so schnell voran wie der Bau des Berliner Flughafens oder die Instandsetzung der Gorch Fock. Während sich Gemeinden auf dem Lande von Subventionsrunde zu Subventionsrunde hangeln, da die großen Telekommunikationsanbieter ohne staatliche Zuschüsse keinerlei Bereitschaft zum Ausbau dünn besiedelter Gebiete zeigen, entstehen im städtischen Raum immer mehr Monopol-Enklaven, in denen der Wechsel zu einem anderen Anbieter kompliziert bis unmöglich ist. Dass nun auch noch das hausinterne Netz zum alleinigen Hoheitsgebiet der Telekom erklärt wird, um der kostengünstigen Kupfernostalgie des Marktführers zu huldigen, entbehrt einmal mehr jeder Logik.

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