Die Regeln haben sich geändert

Huawei hat doch keine Alternative zu Android

Meldung von doelf, Freitag der 19.07.2019, 16:56:28 Uhr

Kein Android? Kein Problem! Kurz nachdem Google seine Zusammenarbeit mit dem Smartphone-Hersteller Huawei aufgekündigt hatte, stellten die Chinesen ein eigenes Betriebssystem mit dem Codenamen "Hongmeng" in Aussicht und erklärten, dieses noch im Laufe des Jahres zur Marktreife bringen zu können. In Brüssel vollzog das Unternehmen gestern allerdings eine Kehrtwende und erklärte Android für alternativlos.

Erst ein umfassender Handelsbann...
Huawei, einer der weltgrößten Ausrüster für Telekommunikationsnetzwerke und der zweitgrößte Hersteller von Smartphones, wurde von US-Präsident Donald J. Trump im Mai dieses Jahres mit einem weitreichenden Handelsbann belegt. Chiphersteller wie Broadcom, Cypress, Intel, Lumentum, Micron, Qualcomm und Xilinx sahen sich gezwungen, einen Lieferstopp zu verhängen. Auch der britische CPU-Entwickler ARM sowie Google und Microsoft mussten Lizenzen zurückziehen und die Zusammenarbeit mit den Chinesen einfrieren. Die Folge: Kein Zugriff auf die ARM-Architektur, Windows und die unfreien Teile von Android.

...dann eine Gnadenfrist und ein Deal
Dass sich die Lage schon nach wenigen Tagen wieder normalisiert hatte, liegt an einer 90-tägige Gnadenfrist, die am 19. August 2019 enden wird. Trump hatte zwar Ende Juni getwittert, dass er mit dem chinesischen Präsidenten Xi einen Deal geschlossen habe - die Chinesen importieren Mais, Soja und andere Agrargüter aus den USA, welche im Gegenzug die totale Blockade von Huawei lockern - doch der Stand dieser Absprache ist völlig unklar. Zudem soll der Bann für den Bereich der nationalen Sicherheit bestehen bleiben.

Kein Plan B
Im Rahmen einer Presseveranstaltung in Brüssel musste Catherine Chen, Vorstandsmitglied von Huawei und Bereichsleiterin für Öffentlichkeitsarbeit und Regierungsangelegenheiten, eingestehen, dass Huawei gar keine Alternative zu Android besitzt. Ein Betriebssystem namens Hongmeng gibt es zwar, doch dieses ist für den Einsatz im Internet der Dinge sowie für Industrieanwendungen gedacht. Hongmeng ist daher weit weniger komplex und zugleich stark auf geringe Latenzen, hohe Stabilität und Sicherheit ausgelegt. Ein multimediales, auf komfortable Bedienung und einfache Kommunikation abzielendes Allroundtalent ist Hongmeng derweil nicht. Wie Xinhua, die offizielle Nachrichtenagentur der chinesischen Regierung, berichtet, legte sich Chen in der Gesprächsrunde klar auf Android als einzige Option für Huaweis Smartphones und Tablets fest.

Auch in Zukunft wolle man an Android festhalten. Doch damit dies funktioniert, muss ein gewisser Donald J. Trump mitspielen. Sicher, das "Android Open Source Project" (AOSP) ist quelloffen. Neuerungen und Sicherheitskorrekturen, die im Rahmen des AOSP veröffentlicht werden, darf auch Huawei übernehmen und nutzen. Über AOSP wäre sogar die Bereitstellung neuer Android-Versionen möglich. Auf Unterstützung durch Google und den wichtigen Markennamen "Android" müsste Huawei aber ebenso verzichten wie auf die Google-Apps (Play Store, GMail, YouTube, Maps) und unfreie Systembestandteile wie die "Googles Play Services" und "Google Play Protect". Doch selbst mit einem eigenen Android-Derivat und eigenem App-Store bleibt das Problem, dass App-Anbietern aus den USA (z.B. Facebook, Microsoft oder Netflix) die Nutzung dieses App-Stores untersagt werden könnte.

Anders formuliert: Will Huawei seine Smartphones und Tablets auch in Zukunft außerhalb Chinas verkaufen, ist das Unternehmen auf die Gnade der USA angewiesen. Die trotzige Ankündigung einer chinesischen Emanzipation, fraglos vom Management und der PR-Abteilung getragen, wurde von den Technikern auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die vermeintliche Alternative ist als Betriebssystem für Smartphones ebenso gut geeignet wie ein E-Roller für internationale Frachtlieferungen. Doch bevor nun jemand mit dem Finger auf Huawei zeigt und "Haha" sagt, sollten wir uns alle bewusst machen, dass sich nicht einmal ein solcher Riesenkonzern aus Googles Fängen befreien kann. Letztendlich sind wir alle im selben Netz gefangen. Oder kleben gleich nebenan bei Apple.

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