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Kolumne: Herzlichen Glückwunsch, USA!

Meldung von doelf, Mittwoch der 09.11.2016, 09:55:50 Uhr

Lange Zeit sah es so aus, als würden in diesem Jahr die Briten den Nobelpreis für das größte politische Desaster bekommen. Kann man so etwas wie den Brexit überhaupt toppen? Yes, they can! Die USA kann sich einfach nicht mit einem zweiten Platz zufrieden geben und hat Donald Trump zu ihrem Präsidenten gemacht. Damit folgt die USA dem aktuellen Trend "Trolle an die Macht".

BildDie einzige positive Nachricht der letzten Nacht lautet: Endlich ist dieser Wahlkrampf vorbei! Doch was kommt jetzt? Außenpolitik ist Trump scheißegal. Innenpolitisch will er Stärke zeigen. Minderheiten hat er mehrfach beleidigt, Frauen unterteilt er in begrabschbar und unbegrabschbar, Ausländer will er draußen halten - es sei denn sie eignen sich als Ehefrau. US-Firmen sollen wieder in den USA für US-Amerikaner produzieren, hierfür will er auch Handelsabkommen aufkündigen. Für Militäreinsätze im Ausland will Trump Rechnungen stellen, von der NATO und der UNO hält er wenig und an den Klimawandel glaubt er nicht. Obamas Krankenversicherung soll wieder abgeschafft werden, der kritischen Presse will er den Mund verbieten und die Clintons will er einsperren. Trump ist nicht mal mehr ein Populist, er ist ein politischer Troll.

Diesem Troll ist allerdings gelungen, was seit Jahrzehnten kein Präsidentschaftskandidat mehr geschafft hatte: Er hat die Nichtwähler mobilisiert, also jenen Teil der Bevölkerung, der sich einen Scheißdreck für Politik interessiert oder jegliche Hoheitsansprüche des Staates ablehnt. Viele dieser Nichtwähler sind weiß, arm und ungebildet. Unter ihnen finden sich Rassisten und Faschisten, aber auch jene, die durch die fortschreitende Globalisierung ihren Job verloren haben. Doch auch diese Menschen haben ein Wahlrecht und so konnte sich die einflussreichste Demokratie der Welt gezielt in beide Füße schließen. Man könnte sagen, die auf Eliten ausgerichtete Bildungspolitik hat ihren Denkzettel bekommen, denn die Dummheit hat heute gesiegt. Doch der Mensch hat ein Recht darauf, dumm zu sein und sich von Rattenfängern wie Trump ins Gesicht lügen zu lassen.

Was auf den ersten Blick wie die Diktatur des Proletariats aussieht, war tatsächlich ein demokratischer Prozess. Auch in vielen anderen Ländern stellen die Nichtwähler die größte Gruppe und könnten Trolle wie Trump an die Macht bringen. Die Demokraten hatten nicht damit gerechnet, dass so etwas geschehen kann und mit Hillary Clinton eine denkbar schlechte Kandidatin aufgestellt. Clinton wirkt nicht sonderlich sympathisch, gehört zu den verhassten Eliten des Landes und war für viele Amerikaner schon dadurch unwählbar, weil sie eine Frau ist. Doch die Republikaner zeigten sich bei ihrer Präsidentensuche heillos zerstritten und stellten am Ende einen grobschlächtigen Clown auf, weshalb sich die Demokraten sicher waren, sogar mit einer Hillary Clinton gewinnen zu können. Nun, das ist gehörig in die Hose gegangen und die Welt wird es ausbaden müssen.

Neben den Nichtwählern konnte Trump insbesondere bei den älteren Bürgern punkten, während die Mehrzahl der jungen Menschen ihre Hoffnung auf Hillary Clinton gesetzt hatte. Dieser Generationenkonflikt hatte sich auch beim Brexit-Votum gezeigt. Im Laufe der vergangenen Jahren hat sich die Welt stark verändert und die Älteren lehnen diese Veränderungen mehrheitlich ab. Statt auf grenzenlosen Handel hoffen sie auf die von Trump versprochenen Zölle. Statt auf Einwanderung hoffen sie auf die Errichtung einer Mauer zu Mexiko. Früher, als jährlich tausende amerikanische Bergarbeiter an Staublunge starben, in der Wüste von Nevada Atombomben getestet wurden und sich die Schwarzen nicht überall hinsetzen durften, war eben alles viel besser gewesen. Damals hatten Schwule im Film noch Heteros gespielt und sich mit Rücksicht auf ihr Publikum nicht öffentlich geoutet.

Doch was bedeutet ein Präsident Trump für die USA und den Rest der Welt? Das ist völlig unklar, denn so ein Troll agiert aus einer Position ohne Regeln und Verantwortung. Kann Trump dem Präsidentenamt sein Ego aufzwingen, oder wird das Amt den Troll zum Politiker schleifen? In seiner Siegesrede gab sich Trump jedenfalls versöhnlich. Statt die Verhaftung von Hillary Clinton zu verlangen, forderte er das Land auf, für ihre Leistungen dankbar zu sein. In Richtung der Welt erklärte er, auf einen Kurs der Partnerschaft zu setzen und keine Konflikte zu suchen. Es scheint fast, als wäre der ungehobelte Polterer über Nacht zum Politiker mutiert. Auch all das erinnert an den Brexit, bei dem die meisten Versprechungen schon am Tag der Entscheidung wie Seifenblasen geplatzt waren. Zumindest könnten die gemäßigten Worte die extrem nervösen Börsen ein wenig beruhigen.

Dennoch: Für aus- und inländische Unternehmen wird eine USA unter Trump deutlich unberechenbarer und ein mögliches Risiko. Insbesondere das Vertrauen in die großen amerikanischen IT-Firmen könnte unter Trump leiden, denn wer will schon deren Cloud-Dienste für seine Firmengeheimnisse nutzen, wenn ein Präsident Trump die Regeln macht. Auch all jene, die in den vergangenen Jahren so rein gar nichts zu verbergen hatten, sollten noch einmal gründlich darüber nachdenken, wer zukünftig auf ihre privaten Daten zugreifen wird. Der einzige Datensatz, der jetzt noch sicher ist, scheint Trumps Steuererklärung zu sein.

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