Kolumne: Schlimmer als Herpes und Mikroplastik

Meldung von doelf, Montag der 17.02.2020, 15:46:08 Uhr

Liebe Leser, es ist zehn nach 12! Also jetzt nicht von der Uhr her, die steht gerade auf 15:45 Uhr, sondern was den Klimawandel betrifft. Inzwischen geht es nicht mehr darum, den Klimawandel aufzuhalten, sondern nur noch um Schadensbegrenzung. Dummerweise gibt es aber immer noch Betonköpfe, die das nicht einsehen wollen und mit ihrer neu-rechten wirtschaftsliberalen Propaganda regelmäßig meinen Briefkasten verseuchen. Ja, es geht um dieses peinliche Geschreibsel der "Jungen Freiheit", das man schwerer los wird als Herpes oder Mikroplastik.

Dieter Stein, dessen Bild als verantwortlicher Chefredakteur auf den lästigen Briefen prangt, will diesmal die "Klimahysterie in Deutschland" stoppen. Das ist lustig, denn vor all den fetten SUVs und hinter all den gigantischen 70-Zoll-Fernsehern konnte ich bisher nur sehr wenig von einer "Klimahysterie" erkennen. Der eine oder andere mag auf dem Weg zum Flughafen von einem schlechten Gewissen geplangt werden, doch effektiv vom Fliegen abhalten können die Menschen bisher nur anteckende Krankheiten wie Covid19. Vielleicht verzichtet ja der eine oder andere Kreuzfahrer an manchen Abenden auf sein Steak und bestellt sich der Umwelt zuliebe einen Eisbergsalat, doch auch das wird den Eisbären auf seiner schmelzenden Scholle nicht retten. Kurzum: Viele Deutsche vertreten zwar die Überzeugung, dass man mehr für die Umwelt tun müsse, doch Verzicht fällt schwer und so siegt derzeit noch die Bequemlichkeit. Einzig jene Generation, welche unsere Fehler und die unserer Eltern und Großeltern wird ausbaden müssen, geht auf die Straße und fordert ein Umdenken - und das völlig zurecht.

Dieter Stein und seine "Junge Freiheit" sehen das freilich ganz anders. Die "absurden Forderungen der Fridays for Future"-Aktivisten werden "dramatische Folgen" haben, lässt uns das populistische Pamphlet wissen und führt als Experten den Kabarettisten Dieter Nuhr an. Auch hinsichtlich Meinungsfreiheit und Islamkritik zog die "Junge Freiheit" bereits Zitate des Herrn Nuhr heran, als ob dessen überspitzte Statire ein unfehlbarer moralischer Kompass sei. Wenn jemand Unfehlbarkeit in Frage stellen darf, dann offenbar nur Herr Nuhr oder die "Junge Freiheit". Ich kann Dieter Nuhr nur raten, von der "Jungen Freiheit" exorbitante Tantiemen einzufordern, sonst werden die irgendwann noch sein komplettes Bühnenprogramm zitieren. Mit seiner Kritik an Greta Thunberg hatte Nuhr seinem Namensvetter jedenfalls frische Munition geliefert, um gegen die "Klimahysterie" Stellung zu beziehen und dieses offiziell gekürte "Unwort des Jahres 2019" inflationär zu gebrauchen. Zugegeben, einige Male wird auch das sperrigere "Klima-Wahn" bemüht, was die Argumentation aber keinen Deut schlüssiger macht.

Tatsächlich hätte das aktuelle Schreiben der "Jungen Freiheit" auch von der PR-Abteilung der US-Ölfirma Exxon stammen können - also damals in den 1970er Jahren, als das Unternehmen noch Exxon hieß und mit der Schaltung bezahlter Artikel (Advertorials) in Zeitungen und Magazinen den menschgemachten Klimawandel geleugnet hatte. Und doch versucht die "Junge Freiheit" mit Formulierungen wie dem "vermeintlich menschengemachten Klimawandel" auch im Jahr 2020 noch Zweifel an etwas sähen, was die von Exxon bezahlten Wissenschaftler schon in den 1970er-Jahren erkannt hatten: Die Menschheit und der von ihr verursachte Ausstoß von Kohlenstoffdioxid ist der maßgebliche Faktor für die derzeitige Klimaentwicklung. Es gibt keine seriöse Studie, die diesen Zusammenhang noch in Frage stellt. Der Vergleich mit "Endzeit-Sekten", die Umdeutung von Fridays for Future zur "PR-Kampagne" und die vermeintliche Indoktrination von Kindern und Jugendlichen reichen der "Jungen Freiheit" aber nicht aus: Sie will ein "professionell organisiertes Netzwerk" erkannt haben, das "weit in die linksradikal-extremistische Szene" reicht.

Nun, lassen wir uns dieses vermeintliche Argument doch mal auf der vermeintlichen Zunge zergehen: Ich kann beim besten Willen keinerlei Überschneidung zwischen "professionell organisiert" und "linksradikal-extremistisch" erkennen, das klingt doch vielmehr nach einem waschechten Oxymoron! Als linksversiffter Gutmensch habe ich vermeintlich - pardon: vermutlich - einfach nicht den notwendigen Durchblick, doch mir scheint es, als sei die "Junge Freiheit" einfach nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Oder das verantwortliche Verlagshaus in Berlin liegt einfach zu hoch, so dass den dortigen Mitarbeitern das Wasser in 30 Jahren noch nicht bis zum Hals stehen wird - ganz im Gegensatz zu vielen Millionenstädten in den Entwicklungsländern. Hier in Aachen gibt es die Redensart: "Wenn Holland nicht wär, läg Aachen am Meer". Bis 2050 könnte dieser böse Scherz zur Realität werden. Und die vor dem Meer fliehenden 17,3 Millionen Niederländer werden dann wahrlich unser kleinstes Problem sein. Junge Menschen, die einen Beruf mit Zukunft suchen, sollten jedenfalls mal über den Bootsbau nachdenken.

Aber ich will hier keine Endzeitstimmung predigen, schließlich steht nicht mal ein Foto von Greta Thunberg in meinem Hausschrein. Meine Wünsche sind viel kleiner: Ich hätte gerne einen Briefkasten ohne neu-rechte Populisten-Polemik. Und eine klimaneutrale Gesellschaft. Und den Weltfrieden. Damit wäre ich schon völlig zufrieden!

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