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Chrome 69: Googles Bevormundung wird immer schlimmer

reported by doelf, Dienstag der 25.09.2018, 15:59:04 Uhr

Mit der Version 69 brachte Google eine nicht dokumentierte und dennoch sehr wichtige Neuerung für die Computer-Version seines Webbrowsers Chrome: Sobald man sich bei einem Google-Dienst anmeldet, logt sich auch Chrome automatisch und ohne weiter nachzufragen im Google-Benutzerkonto ein. Abermals zeigt sich, dass Googles Datenhunger unersättlich ist und gleichzeitig werden wir Nutzer immer stärker bevormundet - Stichwort URLs.

Die automatische Anmeldung
Der bekannte Verschlüsselungsexperte Matthew Green behandelt in seinem Blog fast ausschließlich Fragen der Verschlüsselung und IT-Sicherheit. Dass sich Green zu anderen Themen äußert, ist ausgesprochen selten. Auch Fehlentwicklungen im Internet oder Softwareprodukten übergeht Green normalerweise, denn dieses Themengebiet würde gleich mehrere Blogs füllen. Mit der Veröffentlichung von Chrome 69 hat Google bei Green allerdings eine rote Linie überschritten, denn die Desktop-Version des Browsers umfasst eine neue Funktion, deren Erwähnung Google offenbar als überflüssig oder für die Benutzer verwirrend erachtet und daher lieber verschweigt: Chrome logt sich automatisch ohne Hinweis oder Nachfrage im Google-Benutzerkonto ein.

Der automatische Login geschieht, sobald sich der Nutzer bei einem Google-Dienst wie Gmail anmeldet. Bisher fragte Chrome, ob man sich mit dem Browser bei seinem Google-Konto anmelden möchte. Diese Entscheidung wurde dem Benutzer nun abgenommen, er wird einfach ohne seine Zustimmung angemeldet. Und damit steht das Sync-Menü zur Verfügung, über das man Passwörter, Zahlungsmittel und Kontakte in die Cloud laden kann, um sie geräteübergreifend abzugleichen. Das geschieht bereits, wenn man nur einmal falsch klickt. Zudem stellt Green die berechtigte Frage, wann Google entscheiden wird, dass dieser Upload und Datenabgleich "im Interesse" der Benutzer ebenfalls automatisiert geschehen sollte. Statt selbst entscheiden zu können, werden Chrome-Nutzer immer stärker entmündigt.

Das URL-Problem
Tatsächlich entscheidet Chrome immer mehr über unsere Köpfe hinweg, insbesondere seit der Version 69. Ein besonders bizarres Beispiel ist die Anzeige der Internetadresse (URL), welche Googles Webbrowser mutwillig manipuliert. Laut Google sind URLs viel zu kompliziert und verwirren die Nutzer. Daher werden bekannte Subdomains wie "www" (World Wide Web) oder "m" (Mobil-Version) seit der Version 69 einfach weggelassen. Das Dumme dabei: Unter jeder Subdomain können andere Inhalte liegen! Ein typisches Beispiel hierfür wäre die Vollversion einer Webseite unter www.nur-ein.beispiel sowie eine abgespeckte Mobil-Variante unter m.nur-ein.beispiel, doch selbst die URLs nur-ein.beispiel und www.nur-ein.beispiel können auf völlig unterschiedliche Inhalte oder gar Server verweisen.

Kurz nach der Veröffentlichung von Chrome 69 hatte ich einen Arbeitstag darauf verschwendet, einen Fehler auf einer Webseite bzw. in einer Serverkonfiguration zu suchen, der am Ende gar keiner war. Mein Kunde hatte einfach nur ein Lesezeichen auf die Mobilversion seiner Webseite gesetzt, welche ihm in der Adresszeile als URL ohne www angezeigt wurde. Ich hatte Screenshots vom Browser-Fenster, die belegten, dass die URL und das Angezeigte nicht zusammenpassen, konnte dieses Verhalten aber weder mit Firefox, Edge oder Opera nachstellen. Auch Chrome, der sich bei mir noch nicht aktualisiert hatte, verhielt sich völlig normal. Einige Arbeitsstunden später startete ich Chrome neu und die Subdomains verschwanden. Es dauerte fast ebenso lange, dem Kunden das "Problem" zu erklären.

Krasse Fehlentwicklung
Googles Entscheidungen zur automatischen Anmeldung und zur Manipulation der URL-Anzeige sind nur die Spitze des Eisbergs. Seit Jahren zeigt sich die Software-Branche bemüht, die Bedienoberflächen von Applikationen und Webseiten simpler und aufgeräumter zu gestalten sowie uns Nutzern Entscheidungen abzunehmen. Funktionen, die nach Ansicht der Entwickler nur für wenige Benutzer von Bedeutung sind, werden dermaßen versteckt, dass man zuweilen Tage benötigt, um sie wiederzufinden. Parallel hierzu wurden Dokumentationen quasi abgeschafft, da die Bedienung ja so einfach und selbsterklärend geworden ist. Doch eine gekürzte URL ist nicht verständlicher, sondern schlicht und einfach falsch. Das ist nichts anderes, als würde man bei der Adressierung eines Briefes die Begriffe Straße, Gasse, Ring oder Platz weglassen.

Noch unverschämter ist allerdings die automatische Anmeldung, mit der Google nur seinen Ruf als unersättliche Datenkrake untermauert. Während die Betreiber von Webseiten ihre Besucher über die Verarbeitung jeder IP-Adresse und das Speichern jedes Cookies informieren sollen, unterlässt Google jeglichen Hinweis und verzichtet auf jegliche Nachfrage. Alles ganz einfach, alles ganz bequem. Perfekt für die IT-Zombies des Smartphone-Zeitalters, die offenbar nur noch Emoji verstehen und bereitwillig alle ihre Daten mit Google teilen. Wenn man als informierter Benutzer nach einer Unterrichtung über mögliche Nebenwirkungen die Entscheidung trifft, dass sich Chrome automatisch im Google-Konto anmelden soll, ist das schön und gut. Aber diese Wahl über unsere Köpfe hin zu treffen, ist einfach nur unverschämt. Matthew Green rät zu einem Browser-Wechsel und wir stimmen ihm zu!

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