UPDATE: Apple und Google machen Corona-Warn-Apps überflüssig

Meldung von doelf, Mittwoch der 02.09.2020, 15:49:30 Uhr

Am gestrigen Dienstag hat Apple iOS 13.7 veröffentlicht und dieses Update für die iPhones aus Cupertino umfasst nur eine nennenswerte Änderung: Die Auswertung der Kontaktverfolgung für Begegnungen mit COVID-19-Infizierten samt Warnung funktioniert dank Exposure Notifications Express jetzt auch ganz ohne App. Google will in Kürze nachziehen.

Da die Schnittstelle...
Im April 2020 hatten Apple und Google eine Schnittstelle zur Kontaktverfolgung angekündigt und diese im Juni 2020 bereitgestellt. Diese Schnittstelle, welche der Benutzer manuell aktivieren muss, registriert Begegnungen mit anderen Smartphones über die Funkttechnologie Bluetooth und wertet anhand von Begegnungsdauer und Abstand das Infektionsrisiko aus. Die gesammelten Daten verbleiben in anonymisierter Form auf den Telefonen und werden nach 14 Tagen wieder gelöscht. Apple und Google hatten angekündigt, nur offiziellen Apps von staatlichen Stellen Zugriff auf diese Schnittstelle zu gewähren.

...dort die Apps...
Diese Apps, also auch die deutsche Corona-Warn-App, verbinden sich einmal täglich mit einem zentralen Server, auf dem die Kennungen infizierter Benutzer gespeichert sind. Diese Liste der Infizierten wird mit den lokal gespeicherten Begegnungen abgeglichen und im Falle eines Kontaktereignisses erfolgt eine Warnung. Die so Gewarnten können sich untersuchen lassen, damit auch ihre Kontakte im Falle eines positiven Ergebnisses so schnell wie möglich informiert werden. Doch nicht jedes Land verfügt bereits über eine funktionsfähige App und es gibt auch keinen grenzüberschreitenden Abgleich der Daten.

...und hier alles
Und so präsentieren Apple und Google mit Exposure Notifications Express nun eine eigene Lösung, die Corona-Warn-Apps überflüssig macht. Die bisherigen nationalen Apps bleiben zwar funktionsfähig, aber prinzipiell steckt nun alles, was zur Kontaktverfolgung benötigt wird, im Komplettpaket der beiden Technologieriesen. Nutzen kann man dieses allerdings nur, wenn die lokalen Behörden ihr Einverständnis erteilt haben. Für Entwicklungsländer wie Großbritannien und die USA, die bisher noch keine alltagstauglichen Apps auf die Beine gestellt haben, ist dies eine verlockende Option.

UPDATE: Exposure Notifications Express im Detail
Apple hat die Funktionsweise von Exposure Notifications Express näher erklärt und spricht von einer App-losen Funktionalität, da alles im Betriebssystem stattfindet. Google setzt hingegen auf eine hauseigene Standard-App, die mit einer Konfigurationsdatei des jeweiligen Landes versehen wird. Für beide Systeme müssen interessierte Länder eine solche Konfigurationsdatei bereitstellen sowie zwei Server einrichten: Einen Server, der die Verifizierungscodes für positive Diagnosen generiert und bei der Übermittlung durch den Erkrankten überprüft, und einen Schlüssel-Server, der sich um die Up- und Downloads der Schlüssel kümmert. Das Backend bleibt somit Ländersache.

Bedenklicher Datenzentralismus
Allerdings gibt es auch berechtigte Bedenken: Apple und Google haben von nun das komplette Frontend in ihrer Hand und damit noch mehr Kontrolle. Staaten, die sich auf dieses Spiel einlassen, sind damit noch stärker als bisher von den beiden US-Firmen abhängig. Zudem ist der von Apple und Google genutzte Code geschlossen, während die meisten in Europa eingesetzten Apps auf öffentlich dokumentierten Quellcode setzen. Niemand kann nachvollziehen, welche Daten zusätzlich erhoben werden und ob diese die Anonymisierung gefährden. Zudem steht eine Ausweitung der Kontaktverfolgung auf andere Krankheiten oder für andere Zwecke zu befürchten.

Retterkomplex?
Und irgendwie drängt sich mir der Eindruck auf, dass sich Apple und Google als Retter inszenieren - da außer ihnen ja keiner etwas auf die Reihe bekommt. Dabei hatte Apple mit der Veröffentlichung von iOS 13.6 die Risiko-Ermittlung auf zahlreichen iPhones geschossen und erst einen Monat später repariert. Zugleich hatten Googles Partner Samsung, Huawei und Honor die Corona-Warn-Apps aufgrund eines nicht konformen Energiemanagements regelmäßig ohne Hinweis oder Warnung beendet und auch Google selbst hatte seine Schnittstelle nur unzureichend mit älteren Android-Versionen getestet.

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