Zum Fremdschämen: Don't mention Germany!

Meldung von doelf, Montag der 29.06.2020, 11:06:44 Uhr

Boris Johnson, die schlecht frisierte Imitation eines britischen Premierministers, hat sich einen echten Trump geleistet. Johnson forderte Oppositionschef Keir Starmer bei einem Rededuell im Parlament auf, ihm auch nur ein einziges Land zu nennen, das über eine funktionsfähige Kontaktverfolgungs-App verfüge. Starmers Antwort lautete Deutschland, doch der stammelnde Premier wollte dies nicht gelten lassen.

Ahnungsloser Premierminister im Blindflug
I'm afraid that he is completely wrong, because no country in the world has a working contact tracing app, erwiderte Johnson trotzig und ganz offenbar wieder einmal völlig unvorbereitet. Seit dem 15. Juni 2020 verfügbar? Lächerlich! Mehr als 12 Millionen Downloads? Absurd! Frankreichs App StopCovid France ist sogar schon seit dem 2. Juni verfügbar, setzt aber auf eine zentrale Speicherung und ignoriert die von Apple und Google bereitgestellten Schnittstellen. Die Schweiz bietet SwissCovid seit dem 25. Juni zum Download an. Alle drei Länder haben den Quellcode ihrer Apps, deren Nutzung freiwillig ist, veröffentlicht.

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China hatte seinen Close Contact Detector zwangsweise in weit verbreitete Apps wie Alipay, WeChat und QQ integrieren lassen und auf diese Weise Anfang Februar eine landesweite Kontaktverfolgung realisiert. Südkorea folgte am 11. Februar mit der App Corona 100m, die allerdings keine Kontakte verfolgt, sondern vor Infizierten in der näheren Umgebung warnt. Der Stadtstaat Singapur war am 20. März das weltweit erste Land, welches mit TraceTogether eine Kontaktverfolgung über Bluetooth LE vorweisen konnte. Diese App darf als erste funktionstüchtige Kontaktverfolgung nach heutigem Verständnis betrachtet werden.

Appsolute Planlosigkeit
Großbritanniens Gesundheitswesen (NHS) hatte eine App für Mitte Mai in Aussicht gestellt und diese Anfang Mai auf der Isle of Wight getestet - mit mäßigem Erfolg. Auf der Insel leben 140.000 Menschen und 55.000 hatten die App installiert. Während des Tests wurde allerdings nur eine Person über einen möglichen Kontakt zu einem Infizierten informiert, es war ausgerechnet die Freundin des lokalen konservativen Abgeordneten Bob Seeley. Dennoch beharrte Johnson mehrfach darauf, dass die App am 1. Juni 2020 veröffentlicht werde - was allerdings nicht geschah. Inzwischen spricht man beim NHS von Winter 2020 als mögliches Freigabedatum.

Die britische Eigenlösung sollte wie Frankreichs App ohne Apple und Google auskommen, doch nach den bescheidenen Testerfolgen kündigte Gesundheitsminister Matt Hancock kurzerhand an, man werde zusätzlich die gemeinsame Schnittstelle der beiden US-Firmen integrieren. Dummerweise hatten weder Hancock noch der NHS diese Planänderung mit Apple oder Google abgesprochen. Da die US-Konzerne die Latte bezüglich des Datenschutzes sehr hoch gelegt haben, dürfte die britische App sie in ihrer derzeitigen Form reißen. Vermutlich muss die App wohl komplett neu entwickelt werden und so werden bis zur Veröffentlichung noch einige Monate ins Land gehen.

Next Exit: Harter Brexit
Natürlich könnte das Vereinigte Königreich einfach eine fertige Lösung in Deutschland, der Schweiz oder Frankreich einkaufen. Doch dann müssten sich die Briten eingestehen, dass sie es alleine nicht gebacken bekommen. Diese Blöße wird sich Johnson kaum geben, schließlich stehen die Verhandlungen über die zukünftige Zusammenarbeit mit dem Rest Europas vor dem Aus und der harte Brexit wird immer wahrscheinlicher. Dennoch pokert Johnson weiter mit einem Blatt, das seinem Gegner nur allzu gut bekannt ist und mit dem er nicht punkten kann. Auf das böse Corona-Erwachen dürfte schon bald ein böses Brexit-Erwachen folgen, denn mit dem Jahr 2020 wird auch der Welpenschutz enden und das Vereinigte Königreich erstmals die Auswirkungen des ungefilterten Brexit zu spüren bekommen.

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