Die Regeln haben sich geändert

Kolumne: Horst Seehofers befremdlicher Blick auf die Gamer-Szene

Meldung von doelf, Montag der 14.10.2019, 14:49:29 Uhr

"Wir müssen die Gamer-Szene stärker in den Blick nehmen", sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nach dem rechtsextremistischen Terroranschlag von Halle und kramte damit uralte Vorurteile aus der untersten Schublade des Medienunverständnisses bayrischer Prägung hervor. Zumindest ersparte uns Seehofer eine Gleichsetzung von Spielen mit Drogen und Kinderpornografie.

Mit genau dieser These hatte sich Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) im Jahr 2009 vollends disqualifiziert, sitzt aber bis heute noch fest in seinem Stuhl. Hätte Herrmann damals eine andere Bevölkerungsgruppe derart verunglimpft, wäre er vermutlich achtkantig aus der Partei geflogen und hätte seine politische Karriere beenden oder bei der AfD fortsetzen müssen. Rückblickend hatte Herrmann wirklich großes Glück, dass die gut 34 Millionen Menschen, die in Deutschland regelmäßig auf Computern, Konsolen oder Mobilgeräten spielen, so friedlich sind und sich nicht so leicht zu Gewalttaten hinreißen lassen. Klingt zu hart? Nicht angesichts dieses Zitats:

"Killerspiele widersprechen dem Wertekonsens unserer auf einem friedlichen Miteinander beruhenden Gesellschaft und gehören geächtet. In ihren schädlichen Auswirkungen stehen sie auf einer Stufe mit Drogen und Kinderpornografie, deren Verbot zurecht niemand in Frage stellt." (Joachim Herrmann, 2009)

Im selben Jahr wurde der Deutsche Computerspielpreis gegründet, mit dem die Politik die Spiele-Entwicklung in eine ihr genehmere Richtung drängen will. So gingen im Jahr 2010 gleich zwei Preise an "Anno 1404", damit Titel wie "Uncharted 2" (USK-16) oder "Dragon Age" (USK-18) in der internationalen Wertung leer ausgingen. Doch dann landete der deutsche Entwickler Crytek mit "Crysis 2" (USK-18) im Jahr 2012 einen ganz großen Hit und wurde zurecht mit der Auszeichnung "Bestes Deutsches Spiel" bedacht. Das brachte dem Deutschen Computerspielpreis ein wenig Glaubwürdigkeit und Joachim Herrmann auf die Palme. Als Gegenmaßnahme folgte 2014 eine Sonderregel, welche den Ausschluss von USK-18-Titeln durch eine Minderheitsentscheidung der Jury ermöglicht.

Man muss konstatieren, dass das Verhältnis der deutschen Politik (und der CSU im Besonderen) zu Computer- und Konsolen-Spielen schon immer äußerst angespannt, unglücklich oder einfach nur peinlich war. Einerseits will man sich mit dem Deutschen Computerspielpreis oder einem Besuch auf der Gamescom schmücken, andererseits hält man die Konsumenten dieser Spiele für einen Haufen nerdiger Abartiger ohne jegliche Sozialkompetenz. Freaks, die sich zugedröhnt mit Drogen durch virtuelle Schlachtplatten ballern und zwischendurch ein paar Kinder ficken, da erwachsene Menschen von ihnen nichts wissen wollen. Ja, auch das klingt wieder sehr hart, aber genau das hat euer Autor nun einmal aus den Worten des Herrn Herrmann mitgenommen.

Zugegeben, die Rufe nach einem generellen Verbot aller Erwachsenenspiele sind inzwischen verhallt, denn die klassischen Amokläufe sind aus der Mode gekommen und wurden von Terroranschlägen abgelöst. Während sich die individuellen Beweggründe für einen Amoklauf nur schwer erklären lassen und "Killerspiele" einen probaten Sündenbock abgaben, sind die Motive für Hassverbrechen und Terrorismus nicht nur klar erkennbar, sie werden vom Täter zumeist noch selbst in Form eines Bekennerschreibens oder Manifestes veröffentlicht. Nun heißt es somit nicht mehr, dass "Killerspiele" den Täter zum Killer gemacht hätten, sondern dass sich dieser mit Hilfe von Spielen auf seine Tat vorbereitet hätte:

"Das Problem ist sehr hoch. Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamerszene. Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag. Und deshalb müssen wir die Gamerszene stärker in den Blick nehmen." (Horst Seehofer, 2019)

Diese Aussage Horst Seehofers ist hochgradig verstörend! Statista meldet für das Jahr 2019 34,3 Millionen Spieler in Deutschland und unser Land hat nur 83 Millionen Einwohner. Wenn man rund 41 Prozent aller Bürger wegen eines Hobbys unter Generalverdacht stellt, kann man damit zwar wunderschön neue Massenüberwachungsmaßnahmen begründen, wird mit diesen aber keine Terroristen aufspüren können. Zielführender wäre es, extremistische Gruppen zu beobachten. Einerseits reduziert man damit die Zahl der möglichen Verdächtigen, andererseits neigen insbesondere Extremisten zur Ausübung extremistisch motivierter Straftaten. Zudem fällt es überhaupt nicht schwer, im Internet Hass oder extremistische Äußerungen zu finden.

Ob ein Terrorist seinen Anschlag auf einem Blatt Papier, mit einem Geländemodell nebst Zinnsoldaten oder in einem Ballerspiel plant, spielt letztendlich keine Rolle. Entscheidend sind indes die Wege der Radikalisierung und wie der Täter letztendlich an seine Waffen gelangt. Selbst mit "Minecraft" (USK-6) könnte man Straßenzüge und Gebäude nachbauen, um einen Anschlag vorzubereiten. Oder auch mit klassischen Lego-Steinen. Horst Seehofer hat mal wieder einen CSU-typischen Holzweg eingeschlagen, der an Peinlichkeit kaum zu überbieten ist. Die Medienkompetenz seiner Partei lässt sich inzwischen nur noch als homöopathisch bezeichnen und lässt große Teile der Wählerschaft verständnislos und kopfschüttelnd zurück.

Wir sind jedenfalls schon sehr gespannt, welchen Irrsinn sich ein CSU-Politiker im Jahr 2029 zum Thema Computerspiele einfallen lassen wird. Wie wäre es mit "Die Gamerszene ist nachweislich ein Hauptverbreiter von Feinstaub und will damit den deutschen Diesel diskreditieren" oder "Killerspiele stoßen mehr CO2 aus als alle Kreuzfahrtschiffe zusammen" oder "Gamer haben die Grünen an die Macht gebracht, um Drogen und Pädophilie zu legalisieren"? Das klingt alles schon ziemlich irre, doch wir hegen keinen Zweifel, dass irgendein CSU-Politiker auch diesen Schwachsinn ohne Mühe übertreffen wird ;-)

Diese Werbefläche wurde deaktiviert. Damit geht Au-Ja.de eine wichtige Einnahmequelle verloren.

Werbung erlauben ]