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Cambridge Analytica: Daten von Facebook, Breitbart und GoSkippy

reported by doelf, Mittwoch der 18.04.2018, 13:54:13 Uhr

Die Meinungsmacher der Firma "Cambridge Analytica" hatten Zugriff auf weit mehr Daten als bisher gedacht: Brittany Kaiser, eine zweite Whistleblowerin, die zwischen 2015 und 2018 für das Unternehmen gearbeitet hatte, erklärte vor einem britischen Untersuchungsausschuss, dass weitere Facebook-Daten über das Quiz "Sex Compass" gesammelt wurden. Zudem habe man die Besucherdaten von Breitbart und die Kundendaten der Versicherungsgruppe GoSkippy/Eldon Insurance genutzt.

Kaiser, die im schottischen Edinburgh internationale Beziehungen und Menschenrechte studiert hat, stieß Ende 2014 als Beraterin in Teilzeit zu "Strategic Communications Laboratories" (SCL), der Mutterfirma von "Cambridge Analytica". Ihr Interesse wurde durch ein Projekt geweckt, welches beim Wiederaufbau der von Ebola betroffenen Länder helfen sollte. Ab Februar 2015 arbeitete Kaiser Vollzeit für SCL als "Direktorin für die Geschäftsentwicklung", wobei es primär um Verkaufsgespräche mit potentiellen Kunden aus der Politik und Wirtschaft ging. Trotz des vollmundigen Titels gehörte Kaiser nach eigener Aussage nicht zum Management und hatte auch nichts mit der Datenauswertung zu tun. Kaiser will von den Machenschaften des Unternehmens nichts gewusst haben, sie verließ SCL im Januar 2018. Als dann erste Enthüllungen in der Presse zu lesen waren, nahm Kaiser eine Neubewertung ihrer Geschäftskorrespondenz vor und kontaktiert die britische Tageszeitung "The Guardian".

Versicherung soll Kundendaten für die Brexit-Kampagne geliefert haben
Aus britischer Sicht ist die Zusammenarbeit von SCL mit der Bewegung Leave.EU besonders brisant, denn die Daten für die Pro-Brexit-Kampagne lieferte offenbar die Versicherungsgruppe GoSkippy/Eldon Insurance. Dies wäre aus Perspektive des Datenschutzes widerrechtlich, denn wer seine Daten zur Erstellung eines Versicherungsangebots übermittelt, tut dies zweckgebunden. Kaum ein Brite wird vermutet haben, dass ein Versicherungsunternehmen seine Kundendaten an die Pro-Brexit-Kampagne weitergibt bzw. dass ein und der selbe Call-Center Werbeanrufe für die Versicherung und Leave.EU tätigt. Dass auch die "UK Independence Party" (UKIP) die Daten ihrer Mitglieder für die Kampagne bereitstellte, mag nachvollziehbar sein, doch auch hier hatte es wohl keine entsprechende Einverständniserklärung der Mitglieder gegeben. Zudem wurde das Wahlrecht verletzt, da UKIP und Leave.EU ihre Zusammenarbeit mit SCL der Wahlkommission verschwiegen hatten.

Arron Banks, der Chef der Versicherungsgruppe GoSkippy/Eldon Insurance, hatte sich im Anschluss geweigert, die Dienste von "Cambridge Analytica" zu bezahlen. Ob dennoch Geld von Banks über UKIP an SCL geflossen ist, wie einige Medien berichten, ist derzeit noch unklar. Letztendlich beauftragte Banks nicht SCL mit der Leave.EU-Kampagne, sondern gründete eine neue Datenanalysefirma namens "Big Data Dolphins". Wie Kaiser schreibt, hatte diese eng mit Datenwissenschaftlern der Universität von Mississippi zusammengearbeitet. Falls dabei Daten von britischen Bürgern in die USA übermittelt wurden, wäre dies eine Straftat. Banks selbst bestreitet alle Vorwürfe und bezeichnet Kaiser als Lügnerin. Ein Sprecher von Banks wittert gar eine Verschwörung, um die Rechtmäßigkeit der Brexit-Abstimmung zu untergraben.

Weit mehr Facebook-Nutzer betroffen?
Der Whistleblower Christopher Wylie, der ebenfalls für "Cambridge Analytica" und SCL gearbeitet hatte, hatte bereits über den Zugriff auf Facebook-Daten berichtet. Dabei ging es um die App "thisisyourdigitallife" von Dr. Aleksandr Kogan, welche im Jahr 2014 die Daten von rund 270.000 Facebook-Nutzern und deren Kontakten gesammelt hatte. Laut Facebook könnten bis zu 87 Millionen Nutzer betroffen sein. Obwohl die Datenweitergabe von Kogan im Jahr 2015 aufgeflogen war und sich Cambridge Analytica/SCL zur Vernichtung der unrechtmäßig erworbenen Daten verpflichtet hatte, warb das Unternehmen auch danach noch offensiv mit seinem Zugang zu Facebook-Daten. Auch Kaiser sollte dies in ihren Verkaufsgesprächen immer wieder betonen.

Laut Kaiser sammelte "Cambridge Analytica" auch ohne rechtliche Grundlage so viele Daten wie möglich, um diese zu verarbeiten und weiterzuverkaufen. Sie vergleicht die Vorgehensweise mit einem "Wild West"-Szenario. Auf Facebook habe "Cambridge Analytica" die Nutzerdaten mit einer breiten Palette von Umfragen abgefischt. Abgesehen von Kogans thisisyourdigitallife sei beispielsweise das Quiz "Sex Compass" zum Einsatz gekommen. Kaiser vertritt daher die Ansicht, dass die Zahl der betroffenen Nutzer weit höher als 87 Millionen liege. Zudem zweifelt sie an, dass ihr damaliger Arbeitgeber überhaupt irgendwelche Daten gelöscht habe. E-Mails, welche sie dem Untersuchungsausschuss übergeben hat, scheinen dies zu belegen. Zudem deuten diese an, dass Facebook den massenhaften Datenabfluss über die Programmierschnittstelle (API) auch nach April 2015 nicht im Griff hatte.

Breitbart-Besucher ausgewertet
"Cambridge Analytica" hatte sich im Jahr 2016 den exklusiven Zugriff auf die Besucherdaten des rechtsradikalen Nachrichtenportals Breitbart gesichert. Insbesondere dessen Leserschaft machte das Unternehmen für die republikanische Partei und deren Präsidentschaftskandidaten Donald Trump sehr attraktiv. Die Breitbart-Daten wurden für Trumps Kampagne genutzt, wobei die Zahl der betroffenen US-Nutzer auch hier zumindest im zweistelligen Millionenbereich liegt. Kaiser wirft in diesem Zusammenhang auch die Frage nach dem britischen Ableger "Breitbart London" auf, bei dem UKIP-Politiker Schlüsselrollen innehatten und Stimmung für den EU-Austritt Großbritanniens machten.

Eine finstere Bestandsaufnahme
Brittany Kaiser hat inzwischen eine Kehrtwende um 180 Grad gemacht und die #OwnYourData-Kampagne ins Leben gerufen. Ihrer Erfahrung nach bedeutet Datenreichtum, dass sich Regierungen, Firmen und wohhabende Personen ohne Probleme umfassende Datensätze kaufen und diese für ihre Zwecke nutzen können. Überall würden Daten gesammelt und Menschen verfolgt - ob online durch ihr Suftverhalten oder in der Realität durch Positionsdaten oder ihre Einkäufe. Insbesondere solziale Netzwerke seinen darauf ausgelegt, die Menschen zum Generieren großer Datenmengen zu animieren. Doch statt Menschen mit einander zu verbinden, würden dabei immer tiefere Gräben aufgerissen und die die Privatsphäre sei inzwischen nur noch ein Mythos.