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Kryptowährung Libra: Facebook will die Finanzwelt umkrempeln

Meldung von doelf, Mittwoch der 19.06.2019, 15:17:53 Uhr

Hochgradig volatil, ziemlich dubios und ein wenig schmuddelig, so betrachten die meisten Menschen Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether. Facebook will dies mit Libra ändern, denn Libra (nicht Lira) soll stabil, vertrauenswürdig und global werden. Eine Währung, die Welt zu knechten, Steuern zu vermeiden, Investoren zu locken und Nutzer ewig zu binden? Oder doch die längst überfällige Befreiung des Kapitals?

Auf Basis einer quelloffenen Blockchain-Technologie will Facebook nicht weniger als eine Weltwährung erschaffen, die sich von Milliarden von Menschen für Online-Transaktionen verwenden lässt. Im Gegensatz zu Bitcoin soll Libra kein Gegenentwurf zu nationalen Währungen werden und auch kein Spekulationsobjekt sein. Stattdessen will Facebook den Welthandel stärken und den Zugang zum Zahlungsverkehr erleichtern. Statt auf Spekulation setzt das Internetunternehmen auf stabile Kurse dank einer konventionellen Währungsreserve. Die Idee der "Smart Contracts", also digitaler Verträge, wurde derweil von Ether geklaut und in Libra integriert. Facebook selbst bezeichnet sein Vorhaben als "ein neues Ökosystem für verantwortungsbewusste Innovationen im Finanzdienstleistungsbereich" und hat die Kontrolle der unabhängigen Libra Association übertragen.

Nun schießt einem das Wort "verantwortungsbewusst" weder im Zusammenhang mit Facebook noch der Finanzwelt spontan in den Kopf, weshalb sich Facebook im White Paper zu Libra zum Vorkämpfer für die sozial benachteiligten Massen aufschwingt und die Finanzindustrie massiv angreift. Teile des Finanzsystems hätten noch immer den Stand der "Telekommunikationsnetze vor der Einführung des Internets", die Kosten seien zu hoch, die Verlässlichkeit mangelhaft und das Versenden von Geld viel zu problematisch. Rund 1,7 Milliarden Erwachsene seien weltweit vom Finanzsystem ausgeschlossen, da sie es sich nicht leisten könnten. Als abschreckende Beispiele zieht Facebook Zinssätze von 400 Prozent und höher sowie die immensen Finanzierungskosten für Kleinkredite heran. Zuweilen erwartet man im Rahmen dieses Manifests den Aufruf, dass sich die Proletarier aller Länder vereinigen sollen.

Als Heilmittel gegen ein veraltetes und ausbeuterisches Finanzwesen, das unvermögende Menschen übervorteile, propagiert Facebook die Blockchain-Technologie. Für den Zugriff auf Libra wird einzig ein Internetzugang benötigt. Die verteilte Struktur stelle sicher, dass kein einzelnes Unternehmen, also auch nicht Facebook, die Kontrolle übernimmt, während Kryptographie die Integrität der Geldmittel sichert. Gleichzeitig will Facebook mit dem Finanzsektor und den zuständigen Aufsichtsbehörden zusammenarbeiten, um das Schmuddel-Image einer Geldwäschewährung zu vermeiden. Zu den Gründungsmitgliedern der Libra Association gehören neben eBay, Lyft, Spotify, Uber und Vodafone auch Zahlungsdienstleister wie Mastercard, PayPal und Visa. Libra sei global, stehe allen offen, funktioniere unmittelbar und sei kostengünstiger als die bisherigen Angebote - mit der Betonung auf "kostengünstiger", denn kostenlos wird auch Libra nicht sein.

Der Balanceakt zwischen scharfen Angriffen und ausgestreckter Hand in Richtung des Finanzwesens endet mit einigen Eckpunkten, von denen folgender die größte Sprengkraft besitzt:

"Wir glauben, dass eine globale Währung und Finanzinfrastruktur als öffentliches Allgemeingut konzipiert und geregelt sein sollten."

Dies ist nämlich nicht weniger als ein Frontalangriff auf alle wichtigen nationalen Währungen und den internationalen Finanzsektor. Sobald Rohstoffe und Waren nicht mehr in US-Dollar oder Euro, sondern in Libra gehandelt werden, verlieren die nationalen Währungen und auch die Staaten, die diese herausgeben, massiv an Einfluss und Bedeutung. Auch die Kontrolle über Währungsflüsse käme den Ländern abhanden. Finanzunternehmen, die bisher gut an Wechselkursen und internationalen Transaktionen mitverdient hatten, werden sich neue Geschäftsmodelle suchen müssen. Dies gilt auch für den Kreditsektor, den Libra komplett über den Haufen werfen könnte.

Das alles muss keinesfalls schlecht sein, es dürfte aber für starke Turbulenzen sorgen. Offen bleibt die Frage, wie dezentral und öffentlich eine von Facebook initiierte Weltwährung wirklich sein kann, auch wenn diese von der unabhängigen Libra Association gesteuert wird. Und dann ist da noch das Problem der Sicherheit, denn auch bei Kryptowährungen auf Basis der Blockchain-Technologie handelt es sich letztendlich um Software und jegliche Software ist fehlerhaft. Sollte Libra tatsächlich irgendwann einmal zur Weltwährung aufsteigen, werden auch Sicherheitslücken und Datenlecks globale Ausmaße annehmen. Andererseits ist eine quelloffene Kryptowährung ein probates Mittel gegen nationale Alleingänge und Wirtschaftskriege.

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