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Kolumne: Soziale Medien machen Stars - und Verbrecher?

reported by doelf, Dienstag der 18.04.2017, 09:36:08 Uhr

Dass soziale Medien wie Facebook, Twitter, Instagram oder YouTube Selbstdarstellern eine Plattform bieten, auf der sie ohne technisches Wissen oder redaktionelle Prüfungen ihre Meinung, Werbung oder Propaganda verbreiten können, ist hinlänglich bekannt. Terroristen nutzen diese Medien schon seit Jahren für ihre Botschaften, doch 2017 scheint das Jahr zu werden, in dem Kriminelle ihre Verbrechen einem internationalen Milliardenpublikum präsentieren. Nach Misshandlungen und Vergewaltigungen kam es an Ostern zum ersten Facebook-Mord.

Am Ostersonntag hatte der US-Amerikaner Steve W. Stephens aus Cleveland im Bundesstaat Ohio eine Video auf Facebook veröffentlicht, in dem er einen Mord ankündigt. Im weiteren Verlauf der knapp eine Minute langen Aufnahme wählt Stephens auf offener Straße einen zufällig vorbeikommenden älteren Mann aus, spricht diesen an und erschießt ihn. Im Anschluss hatte der Täter das Video auf Facebook hochgeladen. Das FBI fahndet seither nach Stephens, konnte den vermutlich ersten Facebook-Mörder aber trotz einer ausgesetzten Belohnung in Höhe von 30.000 US-Dollar noch nicht fassen.

Der Fall von Stephens ist der bisherige Höhepunkt einer neuen Gewaltwelle, die seit Jahresbeginn über Facebook schwappt. Während die Politik die sozialen Medien aufgrund ihrer trägen Reaktion auf terroristische Propaganda und Hassreden kritisiert, zeigen Videos von Verbrechen noch viel deutlicher, wie sehr die Selbstkontrolle der Anbieter versagt. Drei Beispiele: Anfang Januar wurde in Chicago (US-Bundesstaat Illinois) ein geistig behinderter 18-Jähriger von zwei Männern und zwei Frauen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren entführt und misshandelt. Teile der Tat wurden als Live-Video auf Facebook gestreamt. Ende Januar zeigte ein weiterer Live-Stream eine Vergewaltigung im schwedischen Uppsala. Eine offenbar wehrlose Frau wurde dabei von drei Männern im Alter zwischen 18 und 24 Jahren missbraucht. Anfang April wurde dann wieder Chicago zum Schauplatz eines Verbrechens, das live auf Facebook übertragen wurde. Jugendliche hatten eine 15-jährige vergewaltigt und sich dabei gefilmt.

Diese drei Beispiele zeigen überdeutlich, dass insbesondere die Generation der sogenannten "Digital Natives" die sozialen Medien völlig ungefiltert und rein instinktiv nutzt. Man teilt mit seinen "Freunden" was man so tut - ganz gleich, ob man einfach nur so rum hängt, ein riesiges Steak isst, besoffen in die Ecke kotzt oder jemanden vergewaltigt. Natürlich spielen dabei soziale Hintergründe eine entscheidende Rolle, doch wir müssen uns immer wieder vor Augen halten, dass nicht überall auf der Welt eitel Sonnenschein herrscht. Es gibt Gegenden, in denen Gewalt, Drogen und Missbrauch zum Alltag gehören. Und wenn soziale Medien ihre Nutzer dazu auffordern, ihr Leben mit der Welt zu teilen, dann werden sich darunter auch zwangsläufig solche Gewaltexzesse finden. Insbesondere wenn während der Tat eine Gruppendynamik entsteht, welche Facebook und Co. als simple Erweiterung dieser Gruppe betrachtet.

Beim Mord von Cleveland liegt die Sache etwas anders. Stephens scheint ein Einzelgänger zu sein, der die Tat speziell für seine potentiellen Zuschauer inszeniert hat. Während die drei Gruppenverbrechen aller Wahrscheinlichkeit nach auch ohne Facebook stattgefunden hätten, muss man sich hier tatsächlich die Frage stellen, ob der Mord ohne Aussicht auf ein großes Publikum geschehen wäre. Bei der Ausfilterung solcher Inhalte hat Facebook allerdings in allen vier Fällen versagt und so werden die Rufe nach einer verpflichtenden Selbstzensur mit jeder Tat lauter. Und das zurecht, denn Facebook ist keine offene Kommunikationsplattform, sondern ein kommerzielles Medienunternehmen, das die von seinen Nutzern veröffentlichten Inhalte schon immer gefiltert hat. Doch während gegen zur Schau gestellte Brustwarzen hart durchgegriffen wird, scheinen Hass und Gewalt nur zu oft durch die Meinungsfreiheit gedeckt zu sein.

Aus jahrelanger Erfahrung kann ich nur bestätigen, dass es ohne Filter nicht geht. Im Internet gibt es, wie im realen Leben, einen Haufen Kriminelle und Idioten, die ihre Freiheiten auf Kosten ihrer Mitmenschen missbrauchen. Um solchen Menschen keine Plattform zu geben, muss man die Inhalte filtern und bei allen Fortschritten hinsichtlich der künstlichen Intelligenz kommt man derzeit nicht um menschliche Kontrolleure herum. In unserem eigenen Forum praktizieren wir dies seit Jahren. Sicher, Facebook und Co. haben viel mehr Benutzer und müssten wesentlich mehr Inhalte überprüfen als wir, doch Facebook und Co. verdienen auch Milliarden, eben weil sie aus Kostengründen auf solche Kontrollen verzichten. Das ist ein lukratives Geschäftsmodell, doch die Inhalte von Dritten kommerziell auszuschlachten, ohne irgendeine Verantwortung übernehmen zu wollen, passt meiner Ansicht nach nicht zusammen.

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