UPDATE: Schonfrist abgelaufen - es wird ernst für Huawei

Meldung von doelf, Donnerstag der 20.08.2020, 19:43:44 Uhr

Als US-Präsident Donald Trump im Mai 2019 eine Exekutivverordnung gegen den chinesischen Technikriesen Huawei erlassen hatte, reagierte die Branche panisch und versuchte möglichst schnell möglichst viele Taue zu kappen. Erst eine 90-tägige Gnadenfrist beruhigte die Lage, doch diese ist nach 450 Tagen (aufgrund mehrerer Verlängerungen) abgelaufen. Nun steht Huawei wieder am Scheideweg, denn die USA haben ihre Sanktionen nochmals verschärft. Dem Unternehmen fehlt eine eigene Chipfertigung, eine eigene Software und selbst die ARM-Lizenz steht wieder in Frage.

Harter Handelsbann als Light-Version
Im Mai 2019 hatte US-Präsident Trump einen nationalen Notstand im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien oder -diensten ausgerufen und den chinesischen Technikriesen Huawei sowie 68 seiner Tochterunternehmen auf eine schwarze Liste gesetzt. Dies sollte Huawei von US-amerikanischer Hard- und Software abschneiden, doch schon kurze Zeit später hatte Trump eine 90-tägige Gnadenfrist nachgereicht, damit Huawei und seine US-amerikanischen Partner ihre Dinge regeln können. Diese Frist wurde in der Folge mehrfach verlängert, zuletzt im Mai 2020. Doch am 13. August 2020 blieb dieses regelmäßig aufgeführte Ritual aus und nun wird es ernst für Huawei.

Gnadenfrist verschaffte Huawei Zeit
Aufgrund der Gnadenfrist konnten US-Unternehmen Ausnahmegenehmigungen beantragen, um weiter mit Huawei arbeiten zu können. Einerseits kommen Produkte von Huawei in etlichen Mobilfunknetzen zum Einsatz, andererseits liefern viele US-Unternehmen Chips und Software an das chinesische Unternehmen, darunter ARM, Broadcom, Cypress, Goolge, Intel, Lumentum, Micron, Microsoft, Qualcomm und Xilinx. Unmittelbar nachdem Trump seinen Handelsbann verkündigt hatte, kappten diese Unternehmen ihre Geschäftsbeziehungen mit Huawei. Erst die Ausnahmegenehmigungen hatten die Lage wieder beruhigt. Zugleich schaute sich Huawei nach Alternativen aus Asien und Europa um und weitete die Aktivitäten seiner eigenen Halbleitertochter HiSilicon aus.

Achillesferse Hardware: Keine eigene Chipfertigung
Allerdings hatten die USA nicht nur den Aufschub verlängert, sondern auch ihre Maßnahmen erweitert: So wurde der Handelsbann im August 2019 von 68 auf 114 Tochterunternehmen ausgeweitet und im Mai 2020 auf Huaweis Partner ausgedehnt. Konkret versucht das Bureau of Industry and Security (BIS), Huawei von der Chipfertigung über drittländische Dienstleister abzuschneiden. Auftragsfertiger aus dem Bereich der Halbleiterproduktion wie TSMC sind für das chinesische Unternehmen überlebenswichtig, da dessen eigene Tochter HiSilicon fabless arbeitet, also keine eigenen Fabriken unterhält. Als Angriffspunkte dienen den USA Geräte und Software aus US-amerikanischer Produktion, welche bei den Auftragsfertigern zum Einsatz kommen.

Achillesferse Software: Mit ohne Android
Auch von der vollmundig versprochenen Android-Alternative ist nichts zu sehen. Hier ist der Technikriese binnen weniger Wochen auf dem harten Boden der Tatsachen aufgeschlagen und hat sich für seine neu entwickelten Modelle beim Android Open Source Project bedient. Während den neuen Modellen jegliche Google-Dienste, also auch der App-Store Google Play und die Sicherheitsebene Google Play Protect fehlen, wurden die Anfang 2019 bereits existierenden Modelle mehrfach aufgefrischt und als überarbeitete Version vermarktet. Für diese Altmodelle gab es nämlich eine Ausnahmeregelung, welche den weiteren Einsatz eines vollwertigen Android nebst Aktualisierungen erlaubte. Doch auch diese ist nun Geschichte.

Die USA legen noch einmal nach
Kurz nach unserer ursprünglichen Meldung legte die US-Regierung noch einmal nach und setzte 38 weitere Firmen auf die schwarze Liste, darunter viele internationale Tochter-Unternehmen wie Huawei Cloud Berlin, Huawei OpenLab Munich und Huawei Technologies Düsseldorf GmbH. Zudem wurden die Maßnahmen gegen Drittfirmen, die mit Huawei zusammenarbeiten, verschärft: Der Handelsbann greift für ausländische Unternehmen, wenn US-Software oder -Technologie die Grundlage für einen im Ausland hergestellten Artikel bildet, der entweder eingearbeitet oder für die Produktion oder Entwicklung irgendeines Teils, einer Komponente oder einer Ausrüstung, welche Huawei oder eine seiner Töchter produziert, kauft oder bestellt, genutzt wird. Alternativ reicht es aus, wenn Huawei oder eine seiner Töchter als Käufer, Zwischenempfänger, Endempfänger oder Endverbraucher auftreten.

Ein Ausblick
Jedes Unternehmen, das Huawei weiterhin beliefert oder mit Lizenzen versieht, muss den Zorn der US-Regierung fürchten. Huawei kann zwar noch seine Lagerbestände aufbrauchen, doch der Zugang zu neuen Chips, ob von Drittherstellern oder aus eigener Entwicklung, wurde nun gekappt. Statt Prozessoren auf ARM- oder x86-Basis zu verwenden, könnte Huawei zu offenen Architekturen wie MIPS und RISC wechseln, doch diese kommen in Smartphones und Tablets noch gar nicht zum Einsatz, so dass hier jahrelange Grundlagenarbeit zu leisten wäre. Weiterhin müssten die Chinesen eine leistungsfähige Chipfertigung aufbauen und ein eigenes Betriebssystem auf die Beine stellen. Das kurzfristige Überleben von Huawei wäre auf diese Weise jedoch nicht zu sichern. Und so muss der Technikriese auf einen Wahlsieg von Joe Biden hoffen. Doch auch der Demokrat wird die Sanktionen seines Vorgängers wohl kaum ohne Gegenleistung aufheben.

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