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Koulumne: Über Sozialadäquanz und das Hakenkreuz im Computerspiel

reported by doelf, Dienstag der 14.08.2018, 13:03:01 Uhr

Der Duden kennt die "Sozialadäquanz" nicht, wohl aber das deutsche Strafrecht. Sie besagt, dass ein Verhalten, das äußerlich alle Merkmale eines gesetzlichen Straftatbestandes trägt, nicht zu ahnden ist, wenn es sich innerhalb der üblichen, geschichtlich entwickelten Ordnung bewegt. Ein Beispiel hierfür wäre die normalerweise verbotene Nutzung des Hakenkreuzes im Rahmen von Film, Kunst und Dokumentationen. Eine Ausnahme bildeten bisher Computer- und Konsolenspiele.

Verboten...
Paragraph 86 des Strafgesetzbuches (StGB) der Bundesrepublik Deutschland befasst sich mit "Friedensverrat, Hochverrat und Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates". Eine solche Straftat kann beispielsweise durch das Verbreiten von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen geschehen, zu denen beispielsweise die "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (NSDAP), die Schutzstaffel (SS) und die Sturmabteilung (SA) gehören. Auch die Verwendung der Embleme dieser Organisationen, allen voran das Hakenkreuz, wird in Deutschland strafrechtlich verfolgt.

...mit Ausnahme von
Zumindest in den meisten Fällen, denn Geschichtsbücher, Lexika und die zahlreichen TV-Dokumentationen über des Dritte Reich wären ohne diese Symbole nicht denkbar. Es wäre sogar in höchstem Maße kontraproduktiv, wenn man historische Filmaufnahmen und Fotos zensieren und somit verfälschen müsste, um einer Strafverfolgung zu umgehen. Doch nicht nur im Rahmen der historischen Dokumentation, Forschung und Lehre ist eine Sozialadäquanz beim Gebrauch der verbotenen Embleme anzunehmen, sondern auch in der Kunst - von Malerei über Bildhauerei bis Theater und Film.

Erlaubt: Verbotene Symbole im Film
Wobei gerade der Film ein zwiespältiges Medium ist. "Schindlers Liste" (1993) setzt sich zweifelsohne kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinander, war aber auch ein kommerzieller Erfolg. Ein weiterer Kinohit, "Inglourious Basterds" (2009), zelebriert das Abschlachten der bösen Nazis, ohne allzu weit in die Tiefe zu gehen. Noch weit weniger Tiefe bieten der SciFi-Edel-Trash "Iron Sky" (2012), der norwegische Nazi-Zombie-Reißer "Dead Snow" (ebenfalls 2009) und der jämmerliche Filmschrott namens "Surf Nazis Must Die" (1987).

Verfolgt: Verbotene Symbole in Spielen
Spätestens wenn Busenfetischist Russ Meyer in "Drüber, drunter und drauf" (1976) einen uniformierten Adolf in einer Badewanne von Piranhas fressen lässt und Hakenkreuze nur noch als dekorative Provokation getragen werden, stößt die Gesellschaft an die Grenzen der Sozialadäquanz. Dennoch durfte das Medium Film seit jeher verbotene Symbole zeigen, elektronische Spiele jedoch nicht. "Drüber, drunter und drauf" und "Surf Nazis Must Die" wurden in die Schublade Kunst gesteckt, während Spiele wie "Battlefield 1942", "Call of Duty: WWII" oder "Medal of Honor" als reine Kommerzware zensiert werden mussten.

Selbstzensur oder Indizierung
Eines der ersten und populärsten Opfer dieser Ungleichbehandlung war das Spiel "Castle Wolfenstein" (1981), bei dem der Spieler aus einem Nazigefängnis ausbrechen muss. Doch nicht die Handlung entschied über das Schicksal des Spiels, sondern alleine die Verwendung nationalsozialistischer Symbole. "Castle Wolfenstein" wurde indiziert und erst im April 2012 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien vom Index entfernt. Auch die Nachfolger der bis heute fortgesetzten Serie wurden indiziert oder für den deutschen Markt zensiert.

Neuer Stellenwert für Spiele
Elektronische Spiele haben allerdings schon seit Jahren in der Gesellschaft Fuß gefasst und werden von allen Altersgruppen konsumiert. Zudem haben sich Spiele massiv weiterentwickelt, verschlingen oftmals ähnlich hohe Produktionskosten wie Filme und zeichnen nicht selten ein treffenderes Bild von historischen Ereignissen als es auf die Leinwand projiziert wird. Dies hat zu einer veränderten Rechtsauffassung der zuständigen Obersten Landesjugendbehörde geführt, welche dem heutigen Stellenwert von Spielen Rechnung trägt.

Die Alterseinstufung wird jedoch nicht von der Landesjugendbehörde, sondern von der halbstaatlichen "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle" (USK) vorgenommen. Diese hatte letzte Woche angekündigt, künftig die Sozialadäquanz bei der Altersfreigabe von Spielen zu berücksichtigen. Am grundsätzlichen Verbot von verfassungsfeindlichen Zeichen hat sich zwar nichts geändert, doch es wird ab sofort eine Einzelfallbewertung geben. Und im Einzelfall kann dann ein Spiel - genau wie ein Theaterstück oder Film - auf eigentlich verbotene Symbole wie das Hakenkreuz zurückgreifen.

Tut das Not?
Oder anders formuliert: Hat Deutschland das jetzt wirklich gebraucht? Obwohl die Wirtschaft hierzulande brummt, gibt es zweifelsohne weit wichtigere Baustellen wie etwa den Wohnungsmangel in Großstädten, die Entvölkerung ländlicher Gebiete, den Personalnotstand bei der medizinischen Versorgung, der Pflege, der Kinderbetreuung und der Bildung, eine teils mangelhafte Infrastruktur oder die Altersarmut. Selbst das ernst zu nehmende Problem der Flüchtlinge und Asylsuchenden wirkt oft wie eine Nebelbombe, mit der man von grundlegenden Fehlentwicklungen ablenken will. Vor diesem Hintergrund wirkt die Frage, ob man in elektronischen Spielen Hakenkreuze zeigen darf, völlig unwichtig.

Ist sie aber nicht. Denn nicht nur die Spiele sind in den vergangenen Jahrzehnten erwachsen geworden, sondern auch ihre Konsumenten. Wie der Verband der deutschen Games-Branche Mitte Juni mitteilte, ist der durchschnittliche Spieler in Deutschland 36,1 Jahre alt und die Altersgruppe der über 50-jährigen Gamer wächst besonders stark. Jeder zweite Deutsche spielt Computer- und Videospiele - wir reden somit von einem Massenmedium, welches in einer Liga mit Fernsehen und Internet genannt werden muss. Eine Gleichstellung mit anderen Kunst- und Medienformen war längst überfällig.

Der Großteil der heutigen Spiele zielt nicht auf Kinder, sondern auch ein erwachsenes Publikum. Ein erwachsenes Publikum, dem man in Kunst und Film auch den Anblick von verbotenen Symbolen und Emblemen zumutet. Es gibt keinen Grund, bei Spielen anders zu verfahren. Ich persönlich bin froh, dass Nazis nun auch in Spielen wie Nazis aussehen dürfen. Bisher konnte man in etlichen Spielen den Eindruck gewinnen, eine Marketingagentur hätte den Nazis aufgrund schlechter Imagewerte ein neues, frisches Design verpasst, um rechte Ideen wieder markt- und salonfähig zu machen. Und das ist so ziemlich das schlechteste Ergebnis, welches man mit einer Zensur der Symbole verfassungswidriger Organisationen erreichen kann.

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