Au-Ja! - Kontaktverfolgung per Smartphone - Hintergründe und Analyse - 2/2
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Kontaktverfolgung per Smartphone - Hintergründe und Analyse ‐ Seite 2/2

veröffentlicht von doelf am 17.04.2020

Viele Fragezeichen für potentiell Infizierte

Auch wenn sich dieses Sicherheitskonzept halbwegs schlüssig anhört, bleiben mehrere Probleme: Zum einen können Apple und Google auf die Schlüssel zugreifen und eine Zuordnung vornehmen, zum anderen können dies auch alle staatlichen Stellen, denen es gelingt, entsprechende Rechte gegen die beiden US-Firmen durchzusetzen. In Anbetracht eines mental äußerst labilen US-Präsidenten und dem allgemeinen Trend, im Angesicht der aktuellen Pandemie die Grundrechte und den Datenschutz einzuschränken, sollte allein dies nachdenklich stimmen. Doch was passiert, wenn es zu einer möglichen Infektion gekommen ist? Dann übernimmt die App einer zuständigen Behörde und was dann geschieht, steht noch in den Sternen. Man könnte auch sagen: Apple und Google haben nur bis zur Übergabe der Verantwortung an eine staatliche App geplant und ziehen sich dann diskret zurück. Wie mit dem potentiell Erkrankten verfahren wird, ist nicht ihre Sache. Ebenso bleibt unklar, wie man sich wieder gesund melden soll. Offenbar sollen sich auch hierum die staatlichen Stellen kümmern. Doch große Datenmengen zu sammeln ist leicht, diese abzuarbeiten ist hingegen ein langwieriger Prozess.

Kann es nach der Pandemie ein zurück geben?

Ebenso ungeklärt bleibt die Frage, was mit der Technologie zur Kontaktverfolgung nach dem Ende der COVID-19-Pandemie geschehen wird. Theoretisch könnte sich immer wieder ein Virus rund um die Welt verbreiten und sei es nur die nächste Grippewelle. Da würde es sich doch anbieten, die einmal getane Arbeit in der Hinterhand zu behalten oder gar aktiviert zu lassen, denn dann könnte man Infektionswege bereits protokollieren, bevor die nächste Gefahr überhaupt identifiziert wurde. Zudem könnte man solche Daten über längere Zeiträume sammeln und mit Hilfe künstlicher Intelligenz Ausbreitungsszenarien vorausberechnen. Solche Daten könnten für Forschung wie Wirtschaft gleichermaßen wertvoll sein, weshalb es geradezu asozial wäre, sich einer solchen Datenerfassung mit anschließender Datenspende zu widersetzen. Auch für die Strafverfolgung könnte eine Kontaktverfolgung vieles erleichtern. Wer das nicht einsieht, handelt vermutlich mit Kinderpornos oder plant den Umsturz des Staates. Das mag sich alles überspitzt anhören, doch die Vergangenheit hat immer wieder gezeigt, dass große Datenmengen große Begehrlichkeiten wecken. Warum sollte das ausgerechnet bei der Kontaktverfolgung anders sein?

Über fehlende Kontrolle und das Märchen der Freiwilligkeit

Dass Apple und Google nicht jedem Hinz und Kunz, sondern ausschließlich staatlichen Stellen Zugriff auf die neuen Schnittstellen gewähren wollen, ist auch keine große Hilfe. In vielen Ländern sind es gerade die staatlichen Stellen, die Menschenrechte mit Füßen treten und nach immer neuen Überwachungsmöglichkeiten lechzen. Den beiden US-Firmen steht es jedoch nicht zu, sich die genehmen Behörden anhand demokratischer Grundwerte auszuwählen. Sie werden die Daten der Infizierten an jeden Staat liefern und sich dann heraushalten. Wenn viele IT-Experten und Datenschützer hierin das Öffnen der Buchse der Pandora sehen, ist das nachvollziehbar, denn wie wollen Apple und Google den Deckel je wieder zuschrauben? Beide Firmen versuchen damit zu beschwichtigen, dass die Kontaktverfolgung erst nach ausdrücklicher Zustimmung des Benutzers (Opt-in) aktiviert werde, doch was passiert, wenn ein Staat seine Bürger ohne Smartphone samt aktivierter Kontaktverfolgung vom öffentlichen Leben ausschließt? Was passiert, wenn ein Deutscher über die Grenze nach Belgien, in die Niederlande, Dänemark, Polen, Tschechien, Österreich, die Schweiz, Frankreich oder Luxemburg fährt? Müssen dann Melde-Apps für alle bereisten Länder auf seinem Telefon installiert sein?

Missbrauch und grundsätzliche Probleme

Niemand kann ausschließen, dass Fehler in den Betriebssystemen oder den staatlichen Apps von Dritten ausgenutzt werden, um die gesammelten Daten abzugreifen oder zu verfälschen. Für Kriminelle wären diese Daten wohl weniger interessant, doch die Hersteller von Überwachungssoftware würden ihren staatlichen Kunden sicherlich gerne einen Vollzugriff für teures Geld verkaufen. Dazu kommen ganz grundsätzliche Probleme wie ein leerer Akku: Ohne Saft kein Bluetooth, ohne Bluetooth keine Kontakterfassung, ohne Kontakterfassung keine Warnung. Ein vergessenes Smartphone zeichnet derweil Begegnungen auf, die es nie gegeben hat. Wer kein Smartphone besitzt oder ein Gerät verwendet, dessen Betriebssystem zu alt ist, bleibt sowieso außen vor. Ebenso all jene, die aus guten Gründen ihre Zustimmung verweigern. Doch damit die Kontaktverfolgung überhaupt Sinn macht, benötigt man ein dichtes Netz. Kommt nach dem Kontaktverbot in der Öffentlichkeit also bald eine Smartphone-Mitführungspflicht zusammen mit einem Erlass, welcher die behördlich gestatteten Telefonmodelle auflistet? Werden inkompatible Telefone aus dem Mobilfunknetz verbannt? Oder wird nur ein Warnsignal ertönen, wenn wir auf einen Undefinierten treffen?

Fazit

All das erscheint aus heutiger Sicht recht unwahrscheinlich, doch vor wenigen Wochen hätte auch niemand an Kontaktverbote, bundesweite Schul- und Geschäftsschließungen oder die Absage aller Großveranstaltungen geglaubt. Der Papst musste den Ostersegen so gut wie alleine vollziehen, fast alle Passagierflugzeuge stehen dauerhaft am Boden, Reisen sind so gut wie unmöglich und in ganz Europa trifft man auf geschlossene Grenzen. Der Absatz von Erdöl ist massiv eingebrochen, die Natur atmet auf und unmöglich erscheinende Klimaschutzziele lassen sich auf einmal ganz leicht durch reines Nichtstun erreichen. In einer derart aus den Fugen geratenen Welt fallen Prognosen schwer und gerade deshalb scheint uns das Drängen auf eine umfassende Kontaktverfolgung hochgradig riskant. Sowohl Apple als auch Google neigen zu Allmachtsphantasien gepaart mit einem ungesunden Drang zur Weltverbesserung. Zugleich halten beide Firmen wesentliche Teile ihres Programmcodes unter Verschluss, was eine neutrale Begutachtung verhindert. Alleine damit fehlt jede vertrauenswürdige Grundlage, selbst wenn man die Regierungen dieser Welt außen vor lässt.


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