Kontaktverfolgung per Smartphone - Hintergründe und Analyse ‐ Seite 5/5

veröffentlicht von doelf am 17.04.2020 - UPDATE: 20.08.2020

Keine zuverlässige Kontaktverfolgung in Bussen und Bahnen

Douglas J. Leith und Stephen Farrell vom Trinity College im irischen Dublin hatten drei Apps zur Kontaktverfolgung per Smartphone hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit während Fahrten in Straßenbahnen untersucht und das Ergebnis ist ernüchternd, denn in der Praxis scheitert die Abstandsmessung per Bluetooth kläglich: Unter Verwendung der Regeln, welche von den Apps aus Deutschland und der Schweiz genutzt werden, wurde keine einzige Begegnung registriert. Mit den Vorgaben aus Italien wird immerhin die Hälfte der Begegnungen erkannt. Dummerweise liegt die Rate der falschen Positiv-Erkennungen ebenfalls bei 50 Prozent. Man hätte also genauso gut eine Münze werfen können. Erschwerend kommt hinzu, dass man die Probanten für diesen Test mit identischen Telefonen ausgestattet hatte. Eine Vielzahl von Variablen, welche die Abstandsmessung per Bluetooth erschweren, waren damit nämlich ausgeklammert.

Zuvor hatten sich Douglas J. Leith und Stephen Farrell bereits mit Busfahrten beschäftigt und dabei die Regeln der Schweizer App verwendet. Wie später in den Straßenbahnen wurden die Probanden auch in den Bussen für einen Zeitraum von 15 Minuten in einem Abstand von weniger als zwei Metern platziert, so dass es zu einem Kontaktereignis hätte kommen müssen. Doch auch hier hatte die Erkennungsrate bei 0 Prozent gelegen. Eine schärfere Konfiguration hatte mit 5 Prozent ein marginal besseres Ergebnis geliefert und auch die Verkürzung der Begegnungszeit auf zehn Minuten hatte die Erkennungsrate nur auf acht Prozent steigern können. Auch bei diesem Test wurden identische Smartphones eingesetzt. In der Realität dürften die Ergebnisse also noch viel schlechter ausfallen! Zudem lassen sich die Aussagen über Straßenbahnen und Busse auch auf vergleichbare Verkehrsmittel wie S- und U-Bahnen und Züge, Reisebusse oder Seilbahnen übertragen.

Die Entwickler der Corona-Warn-App verweisen auf zahlreiche Tests, welche das Fraunhofer IIS vor Inbetriebnahme der Corona-Warn-App durchgeführt hatte, um geeignete Parameter für einen möglichst fehlerfreien Betrieb zu ermitteln. Zu den Testszenarien gehörte neben Supermarkt, Restaurant und Party auch die Fahrt in einem ICE. In den untersuchten Szenarien will man rund 80 Prozent der Begegnungen richtig erfasst haben und zweifelt daher die Ergebnisse aus Irland an. Eine nachträgliche Anpassung der Erkennungsparameter hatte es auf Seiten der Apps demnach nicht gegeben. Anders sieht es bei den Betriebssystemen aus, denn hier hatten Apple und Google nachjustiert, um das Zusammenspiel unterschiedlicher Geräte, die unterschiedliche Modems, Antennen, Sendeleistungen und Bluetooth-Versionen einsetzen, zu optimieren. Oder anders formuliert: Apple und Google arbeiten an der Annäherung an eine Idealsituation, welche die irische Versuchsreihe durch den Einsatz identischer Hardware bereits geschaffen hatte.

Die Probleme der Kontaktverfolgung in Bussen und Bahnen sind schwerwiegend, denn typischerweise trifft man hier auf fremde Menschen, mit denen man sich über einen längeren Zeitraum in einem sehr begrenzten und weitgehend geschlossenen Raum befindet. Die kritische Zeitspanne von 15 Minuten ist schnell erreicht, das Einhalten der Abstandsregeln ist in den Stoßzeiten nicht möglich und etliche Passagiere tragen ihre Masken wahlweise unter der Nase oder gleich unter dem Kinn. In anderen Ländern versucht man diese Erkennungslücke durch die Erfassung aller Passagiere abzudichten, beispielsweise durch die aus deutschen Restaurants bekannte Zettelwirtschaft oder durch den Umstieg auf elektronische Tickets. Doch selbst im äußerst disziplinierten Stadtstaat Singapur, neben China dem Vorreiter bei den Corona-Warn-Apps, scheitert die lückenlose Nachverfolgung daran, dass sich die Passagiere beim Betreten oder Verlassen der Züge nicht ein- bzw. ausscannen (per App über einen SafeEntry QR-Code). Derweil dürfte eine Umstellung des deutschen ÖPNV auf elektronische Tickets länger dauern als der Aufbau flächendeckender 5G-Netze oder die Fertigstellung des BER.

Wir fassen zusammen: Sind Smartphones von Metall umgeben, misst man mit Bluetooth zumeist nur noch Mist. Und das ist ein grundsätzliches Problem bzw. ein Konzeptionsfehler seitens Apple und Google, denn die Apps geben lediglich die Parameter (Abstand, Dauer) für die Identifikation eines Kontaktereignisses vor. Alles weitere liegt in der Hand der Betriebssysteme. Und die setzen mit Bluetooth schlicht und einfach auf ein ungeeignetes Messinstrument - zumindest für den Einsatz im ÖPNV. Wären die Radwege in deutschen Städten besser ausgebaut und auf dem Lande keine zugewachsenen Schlaglochpisten, würden wir zum Umstieg auf den Drahtesel raten. Doch aufgrund des bescheidenen Radwegenetzes fällt uns eine Risikoabwägung zwischen Radfahren und COVID-19 schwer.


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