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Kolumne: Nach 33 Jahren ist die CeBIT tot

Meldung von doelf, Donnerstag der 29.11.2018, 12:05:44 Uhr

Seit 1986 fand in Hannover alljährlich die Computermesse CeBIT statt. Die einst weltgrößte Veranstaltung ihrer Art feierte viele Premieren marktführender Hersteller und brachte Fachbesuchern wie Endkunden die Technologien von morgen näher. Es folgten ein langes Siechtum mit Neuausrichtungen im Jahrestakt sowie eine Verlegung in den Juni, mit der die Messe endgültig aus dem Fokus der Massen verschwand. Nun steht fest: 2019 wird es keine CeBIT mehr geben.

80er: Der Computer, das unbekannte Wesen
Und das macht auch Sinn, denn die CeBIT ist Opfer ihres eigenen Anspruchs geworden. Als der Computerpionier Heinz Nixdorf während der allerersten CeBIT auf dem Messegelände verstarb, war Intels 80386 Stand der Technik. Mit dieser Architektur wurde der Wechsel zur 32-Bit-Architektur (IA-32) eingeläutet, mit der die CPU theoretisch vier GiB RAM adressieren kann. In der Realität konnte man für ein kleines Vermögen maximal 16 MiB Arbeitsspeicher nutzen und sich mit einem einzelnen Rechenkern und satten 16 MHz wie ein König fühlen. In den Firmen gab es kaum Computerarbeitsplätze und zu Hause hatte man höchstens einen Commodore 64 oder einen Atari ST zum Spielen. Der Amiga versuchte sich derweil in Form des A1000 noch als teures Profigerät und würde erst 1987 seinen Durchbruch schaffen. Kurzum: Das Thema Computer war überschaubar und den meisten Bürgern noch suspekt. Die CeBIT eröffnete hier die Möglichkeit, einen Blick auf diese fremde Welt und somit in die Zukunft zu werfen.

90er: Das moderne Internet macht den PC gesellschaftsfähig
Zum Massenphänomen wurden Computer erst mit dem Aufkommen des modernen Internets in Form des World Wide Web. Dieses hatte man 1989 an der Forschungseinrichtung CERN ersonnen, um wissenschaftliche Artikel und Forschungsergebnisse weltweit austauschen zu können. Online-Shopping, Soziale Netzwerke und Massively Multiplayer Online Role-Playing Games hatten die Wissenschaftler damals noch nicht vorhergesehen und so freute man sich Mitte der 90er-Jahre noch über animierte GIFs. Allerdings war die Internetnutzung auf dem 1993 eingeführten Windows für Workgroups 3.11 noch ein echter Kampf und erst die Vorstellung von Windows 95 - auf der CeBIT 1995 durch Bill Gates - brachte echte internetfähige PCs hervor. Mit Spielen und dem WWW als Antriebsmotor verbreiteten sich PCs rasant und die vormals beliebten Heimcomputer starben aus. Die CeBIT profitierte von diesem Trend und wuchs von Jahr zu Jahr. So wurde sie zu einem festen Termin für die Produktpremieren führender Hersteller.

00er: Vom Zenit in die Krise
Ihren Zenit errichte die CeBIT im Jahr 2001 mit 830.000 Besuchern, doch im selben Jahr folgten die Terroranschläge vom 11. September. Viele Firmen und Besucher aus den Vereinigten Staaten sagten ihre Teilnahme für 2002 ab und davon konnte sich die CeBIT nie so ganz erholen. Bis 2008 konnte die Messe alljährlich eine halbe Million Besucher nach Hannover locken, danach brachen die Zahlen von Jahr zu Jahr weiter ein. Insbesondere die Endkunden hatten das Interesse verloren, da immer mehr Neuheiten auf Spezialmessen oder Hersteller-Events vorgestellt wurden. Die Veranstalter reagierten mit einer Neuausrichtung auf Fachbesucher und verlegten die CeBIT ab 2014 auf Montag bis Freitag, womit der bei Endkunden besonders beliebte Samstag wegfiel. Mit dieser Strategie sank die Besucherzahl von 280.000 auf 210.000, doch zumindest konnte die Messe dieses Niveau bis 2017 halten. In diesem Jahr wurde die CeBIT erstmals im Juni abgehalten, was einen Absturz auf nur noch 120.000 Besucher zur Folge hatte.

Die Themen sind abgewandert
Die Verlegung der CeBIT in den Frühsommer sollte sie attraktiver für den Terminkalender der Aussteller machen, war aber eine veritable Schnapsidee. Vernetzte Unterhaltungselektronik und Spielkonsolen werden schon im Januar auf der CES in Las Vegas abgehandelt. Smartphones und Mobilfunktechnik folgen im Februar auf dem GSMA Mobile World Congress (MWC) in Barcelona. Der industrielle Einsatz von Vernetzung und IT wird im April von der Hannover-Messe behandelt. Der Schwerpunkt Computer wird Ende Mai auf der Computex in Taipeh präsentiert. Alles aus dem Bereich Gaming hat seinen Platz auf der Gamescom in Köln, die im August abgehalten wird. Und im September kann man sich auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin all das ansehen, was zur CES noch nicht fertig war. Hersteller wie Apple oder NVIDIA setzen derweil auf Hausmessen und Events, wo sie den Mitbewerbern aus dem Weg gehen können. Für die einst breit aufgestellte CeBIT bleiben da weder Zeit noch Themen.

Das Ende war absehbar
Die Reste der CeBIT werden nun in die Hannover-Messe integriert, während sich die übrigen Schwerpunkte um den Erdball verteilen. Das ist einerseits schade, da es nun keine Computermesse mit universellen Ansprüchen mehr gibt, andererseits wurde die CeBIT diesem Anspruch auch schon lange nicht mehr gerecht. Echte Neuheiten waren zuletzt Mangelware und wurde zumeist abseits der Öffentlichkeit in den Hinterräumen gezeigt. Hierzu passt, dass immer mehr Firmen auf eine echte Ausstellungsfläche verzichteten und nur noch im geschlossenen B2B-Bereich vertreten waren. Etwas überspitzt formuliert, war die CeBIT von einer Ausstellung zu einem Zeltlager der geschäftlichen Kontaktpflege mutiert. Als Beiwerk zeigten ein paar Newcomer aus Asien bunte Lüfter und blinkenden Schnickschnack, doch die Luft war raus. Um die Jahrtausendwende hatten wir auf der CeBIT viel gesehen und erlebt, doch die letzten Jahre hatten wir nur noch aus der Ferne gelitten. Gut, dass es endlich vorbei ist!

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