KA-SAT: Ausfall hält an, Ursache offiziell weiter unklar

Meldung von doelf, Donnerstag der 10.03.2022, 14:38:57 Uhr

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Am 24. Februar 2022 kam es bei KA-SAT 9A, einem kommerziellen Kommunikationssatelliten des US-amerikanischen Unternehmens Viasat Inc., zu einem großflächigen Ausfall. Der Satellit, welcher sich in der geostationären Position 9° Ost befindet, versorgt Europa und den Nahen Osten mit 82 Spotbeams. Bis heute konnte die Störung nicht beseitigt werden und auch die Ursache bleibt weiterhin unklar. Da zeitgleich der russische Einmarsch in die Ukraine begann, wird ein Cyberangriff vermutet.

KA-SAT bietet eine schnelle Internetanbindung mit Download-Raten von bis zu 50 Mbps, jeder der 82 Spotbeams bringt es auf eine Kapazität von 475 Mbps. Zu den Kunden gehören Unternehmen mit abgelegenen Standorten, an denen kein kabelgebundenes Internet verfügbar ist. Ein praktisches Beispiel sind Windenergieanlagen, deren Anlagensteuerung und Überwachung über KA-SAT realisiert werden kann. Und so fiel der großflächige Ausfall auch zuerst bei Enercon, einem Hersteller von Windenergieanlagen, auf.

Enercon: Die Sicht des Windenergieanlagen-Herstellers
Enercon meldete am 1. März 2022, dass aufgrund der massiven Störung der Satellitenverbindung in Europa die Fernüberwachung und -steuerung (SCADA) von 5.800 Windenergieanlagen mit einer Gesamtleistung von 11 Gigawatt ausgefallen sei. Diese Anlagen laufen seither im Automatikmodus und können sich grundsätzlich autark und selbstständig regulieren. Die Anlagen liefern somit weiterhin Strom und lassen sich vom Netzbetreiber uneingeschränkt steuern und drosseln. Im Falle einer Störung können die Anlagen aber nicht mehr aus der Ferne zurückgesetzt werden, somit muss ein Techniker-Team das Reset vor Ort durchführen. Enercon hatte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) umgehend informiert, da es sich bei Windenergieanlagen um kritische Infrastruktur handelt. Enercon schließt eine technische Störung in den eigenen Systemen aus und verweist auf den Satelliten-Betreiber. Für diese Einschätzung spricht, dass europaweit rund 30.000 Satellitenterminals ausgefallen sind. Zudem verweist das Unternehmen darauf, dass sich der Ausfall nahezu zeitgleich mit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine ereignet hatte.

Bigblu: Die Sicht des Internetanbieters
Die Stellungnahme des Internetanbieters Bigblu stammt vom 7. März 2022 uns ist somit etwas aktueller. Gegenüber Bigblu hat Viasat, der Betreiber von KA-SAT, die Probleme in einer offiziellen Erklärung eingeräumt, sonst aber wenig Aufschlussreiches mitgeteilt. Der Ausfall werde noch untersucht. Man habe alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, doch noch sei die Ursache des Ausfalls noch nicht vollständig geklärt. Bigblu vermutet, dass es sich um einen vorsätzlichen Cyberangriff handelt, will einen Zusammenhang mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bestätigen. Da Bigblu seinen Dienst momentan nicht anbieten kann, wurde die Rechnungsstellung für alle betroffenen Kunden ausgesetzt. Einige der betroffenen Kunden berichten vom Ausfall ihres Modems. Defekte Modems will Bigblu derzeit aber noch nicht ersetzen, da die Gefahr bestünde, dass auch diese wieder Schaden nehmen. Dies deutet auf anhaltende Probleme bei Viasat hin. Sobald Viasat die Störung behoben hat, will Bigblu seinen Kunden Ersatzgeräte mit klaren Anweisungen zur Einrichtung zukommen lassen.

Was sagen Viasat und das BSI?
Bei Viasat finden sich bisher keine Informationen zu den Problemen von KA-SAT. Es gibt keine Pressemitteilung und in den sozialen Medien schweigt das Unternehmen seit dem 22. Februar 2022. Auch beim BSI gibt es keinerlei Meldungen zu den Problemen mit KA-SAT. Im Rahmen einer sehr allgemein gehaltenen Einschätzung zu den Cyber-Sicherheitsauswirkungen des russischen Angriffs auf die Ukraine rät das BSI zu Ruhe und Wachsamkeit. Man erkenne zwar eine abstrakt erhöhte Bedrohungslage für Deutschland, doch bisher sei keine akute unmittelbare Gefährdung der Informationssicherheit für Unternehmen in Deutschland im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine ersichtlich. Wir sollen unsere digitalen Hausaufgaben machen und regelmäßig Back-Ups anlegen. Benötigt man für solche Bauernweisheiten wirklich ein Bundesbehörde?

Ein mögliches Szenario
Frankreichs Weltraumkommandant (CDE), der General Michel Friedling, zeigte sich weniger zurückhaltend und bezeichnete den Vorfall schon am 3. März 2022 als Cyberangriff im Zusammenhang mit dem Einmarsch in die Ukraine. Weiterhin berichtet Friedling, dass der Angriff die SATCOM-Terminals unbrauchbar gemacht habe. Diese seien außer Funktion und vermutlich irreparabel beschädigt. Diese Aussage hat der spanische Sicherheitsforscher Ruben Santamarta aufgegriffen und eine These aufgestellt. Santamarta hatte sich eingehend mit solchen Terminals beschäftigt und in den Jahren 2014 und 2018 auf der BlackHat USA eine Fülle von Schwachstellen und realistische Angriffsszenarien präsentiert. In seinem Papier spielt der Spanier mehrere Szenarien durch und kommt zu dem Schluss, dass vermutlich eine Bodenstation kompromittiert oder erfolgreich imitiert wurde, um den SATCOM-Terminals schädliche Befehle zu schicken. Auf diese Weise könne man die Sendeeinheit deaktivieren, die Logik der Antennenausrichtung verstellen oder durch eine Manipulation der Leistungsparameter Schäden an der Elektronik verursachen. Santamarta hat auch eine Erklärung dafür, warum Deutschland besonders stark betroffen ist: Das Bodensegment von KA-SAT umfasst zehn Gateways, die über ganz Europa verteilt sind. Und das Gateway in Berlin liegt der Ukraine am nächsten.

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